Der Mensch in der Rolle des Sparers und Anlegers


Einleitung

Geld, das Sie aus Taschengeld, eigenem Verdienst oder Schenkungen erhalten, legen Sie wahrscheinlich meistens auf einem Bankkonto an. Vielleicht haben Sie ein finanzielles Ziel, das Sie durch Sparen oder Investieren erreichen möchten. Das Sparen von Geld auf einem Bankkonto führt aber aufgrund der eher niedrigen Zinssätze nur zu kleinen Wertsteigerungen. Diese Zinssätze der Banken richten sich nach dem von der Schweizer Nationalbank gesetzten Leitzins.

Um den Wert Ihres Geldes stärker zu steigern, können Sie Ihr Geld auch anlegen. Anlagemöglichkeiten sind z. B. Aktien, Anleihen (Obligationen), Fremdwährungen wie US-Dollar (USD) oder Euro (EUR), Kryptowährungen, aber auch Derivate wie Optionen und Futures oder Sachwerte wie Immobilien, Rohstoffe, Kunst oder Schmuck sowie Private Equity und Hedge Funds. Sie können aber auch, zusammen mit anderen Anleger*innen, in Anlagefonds investieren, bei denen verschiedene Anlagemöglichkeiten kombiniert werden und die von einem Fondsmanager verwaltet werden. Nachfolgend werden die verschiedenen Spar- und Anlagemöglichkeiten sowie unterschiedliche Anlageziele und -strategien erklärt.

Wenn Sie Geld in Aktien und Anleihen investieren, legen Sie Ihr Kapital immer auch direkt in ein Unternehmen (Aktiengesellschaft) oder eine Institution wie z. B. einen Staat (Staatsanleihen) an. Bei Investitionen in derivative Instrumente investieren Sie in Finanzprodukte, die mit einem Basiswert wie einer Aktie, einer Obligation oder auch einer Währung zusammenhängen.

Sehr oft wird also direkt oder indirekt in ein Unternehmen, eine staatliche Institution oder eine gemischtwirtschaftliche Einrichtung investiert. Um eine mögliche Investition zu beurteilen, ist es notwendig, die finanzielle Situation des Unternehmens bzw. der Institution zu kennen. Dies geschieht anhand der Bilanz- und Erfolgsanalyse im Jahresabschluss (Analyse der Bilanz und der Erfolgsrechnung).

Somit sind fundierte Kenntnisse der Buchführung notwendig, um eine Bilanz- und Erfolgsanalyse durchzuführen, diese zu interpretieren und das Unternehmen zu beurteilen, bevor finanzielle Investitionen getätigt werden. Als Basis zur Beurteilung der finanziellen Situation von Unternehmen wird die Gewinnverteilung und die Verbuchung der Dividendenauszahlungen behandelt. Danach werden die Kennzahlen zur Bilanz- und Erfolgsanalyse vorgestellt.


1. Was ist der Unterschied zwischen Geld sparen und Geld anlegen?

Sparen und Anlegen sind zwei unterschiedliche Begriffe, die aber eng miteinander verwandt sind. Der grösste Unterschied zwischen Sparen und Anlegen (Investieren) ist das eingegangene Risiko. Sparen führt in der Regel dazu, dass Sie im Vergleich zum Anlegen eine geringere Rendite (Ertrag, den ein angelegtes Kapital in einem bestimmten Zeitraum bringt) erzielen, aber auch praktisch kein Risiko eingehen müssen. Im Gegensatz dazu bietet Ihnen das Anlegen bzw. Investieren die Möglichkeit, eine höhere Rendite zu erzielen, aber Sie müssen dazu auch ein höheres Verlustrisiko eingehen.

Sparen ist eine kurzfristige Strategie, bei der Sie Geld auf ein Privat- oder Sparkonto einzahlen, um es für zukünftige Ausgaben bereitzustellen. Dies ist eine sehr sichere Anlageform (Einlegerschutz in der Schweiz bis zu CHF 100'000.-) und das Geld ist in der Regel sofort verfügbar. Die Rendite eines Privat- oder Sparkontos, also die Zinsen, ist jedoch eher gering (Zinssituation Schweiz).

Anlegen oder Investieren hingegen ist normalerweise eine mittel- bis langfristige Strategie, bei der Sie Ihr Geld in verschiedene Anlageformen wie Aktien, Anleihen, Derivate usw. investieren können. Es ist eine risikoreichere Anlageform als das Sparen. Anlageformen wie Aktien oder Immobilien können stark schwanken, sodass Sie die Möglichkeit haben, eine höhere Rendite als beim Sparen zu erzielen, aber auch ein höheres Risiko eingehen, Geld zu verlieren.


Lernkontrolle

  1. Unterscheiden Sie Sparen und Anlegen.
  2. Beurteilen Sie die den aktuellen Leitzins der Schweizer Nationalbank sowie aktuelle Zinssätze von Schweizer Geschäftsbanken.


2. Welche Ziele kann ich beim Sparen und Anlegen verfolgen?

Wenn Sie Geld sparen oder anlegen möchten, können Sie verschiedene Ziele verfolgen. Klassische Ziele sind, das Geld in Sicherheit zu wissen (geringes Risiko), das Geld verfügbar zu haben (hohe Liquidität) oder eine Rendite (hoher Ertrag) zu erzielen. Allerdings bestehen zwischen diesen klassischen Zielen Zielkonflikte: Eine höhere Sicherheit bzw. eine geringeres Risiko geht oft zu Lasten einer niedrigeren Rendite, während eine höhere Rendite oft zu Lasten einer tieferen Sicherheit bzw. eines höheren Risikos geht. Welche Ziele Sie höher gewichten, hängt von Ihren Zielen, Ihrer Vermögenssituation und Ihren Wertvorstellungen ab.

Anbei eine Übersicht über die drei klassischen Anlageziele (Magisches Anlagedreieck):

Sicherheit (Risiko)

Wenn Sie ein eher sicherheitsorientierter Anlegertyp sind, kann es sein, dass Sie in erster Linie auf den Erhalt Ihres Vermögens setzen und nur wenige Kapitalverlustrisiken eingehen möchten. Anlagen, die stark schwanken, bergen ein höheres Risiko (Gewinn- oder Verlustrisiko) und damit eine geringere Sicherheit. Zudem gibt es auch das Schuldnerrisiko (Zahlungsunfähigkeit des Schuldners) und das Währungsrisiko (Wechselkursschwankungen).

Liquidität (Verfügbarkeit)

Wenn Sie Ihr Geld kurzfristig benötigen, wählen Sie eine Anlageform, bei der das Geld jederzeit verfügbar ist oder bei der sie es jederzeit ohne Verlust liquideren können. Bei langfristigeren Anlagen ist die Liquidität geringer.

Rendite

Wenn Sie eine höhere Rendite erzielen möchten, erfordert dies die Bereitschaft, höhere Risiken einzugehen und auf Sicherheit zu verzichten. Die Rendite setzt sich aus den Ausschüttungen (Dividenden, Zinsen) und allfälligen Kursgewinnen bzw. -verlusten zusammen. Falls die Kursverluste die Ausschüttungen übersteigen, ergibt sich eine negative Rendite.

Die Formel zur Berechnung der Rendite lautet:

Rendite = Ausschüttungen* + (Verkaufspreis - Kaufpreis**) / Kaufpreis**

* Ausschüttungen = Dividenden oder Zinsen

** = inkl. Courtagen, Gebühren und staatliche Abgaben


Nachhaltigkeit als viertes Anlageziel

In letzter Zeit hat die Nachhaltigkeit als Anlageziel an Bedeutung gewonnen. Sie bezieht sich darauf, dass bei der Auswahl von Anlagen auch ökologische und soziale Faktoren sowie die Qualität der Unternehmensführung berücksichtigt werden, um positive Auswirkungen auf die Umwelt und die verschiedenen Anspruchsgruppen zu fördern. Investitionen in nachhaltige Anlagen zielen darauf ab, langfristige Werte zu schaffen und Umweltschutz, soziale Gerechtigkeit und gute Unternehmensführung zu fördern.


Lernkontrolle

  1. Erläutern Sie die drei klassischen Anlageziele sowie das Anlageziel Nachhaltigkeit.
  2. Erläutern Sie die Formel zur Berechnung der Rendite einer Anlage.


3. Wie wird die Anlagefähigkeit und das Risikoprofil von Anleger*innen bestimmt?

Bevor Sie Geld anlegen, sollten Sie sich Gedanken über Ihre Anlagefähigkeit machen. Es gilt, ein individuelles Risikoprofil zu erstellen, anhand dessen die Arten von Anlagen bestimmt werden können, die zu Ihren individuellen Voraussetzungen und Bedingungen passen.


3.1 Anlagefähigkeit

Die Anlagefähigkeit von Privatpersonen hängt von verschiedenen Faktoren ab, wie z. B. dem Zeithorizont, der Einkommens- und der Vermögenssituation sowie der Risikobereitschaft.

Zeithorizont

Die Dauer, wie lange Sie ihr Geld anlegen können, ist wichtig zu wissen. Es ist empfehlenswert, dass Sie das angelegte Geld während der Anlagedauer nicht benötigen. Aufgrund der Anlagedauer kommen gewisse Anlagekategorien eher in Frage als andere. Bei einer längeren Anlagedauer können sich z. B. Wertschwankungen eher ausgleichen. Historisch gesehen haben sich Aktien, Obligationen und Immobilien von Krisen und Einbrüchen meistens erholt. Somit kann bei einem längeren Anlagehorizont auch ein höheres Risiko eingegangen werden.

Einkommens- und Vermögenssituation

Das Einkommen und das Vermögen sind wichtige Faktoren bei der Entscheidung, wie viel Geld in Anlagen investiert werden kann. Je höher das Einkommen und das Vermögen, desto höher ist das mögliche zu investierende Kapital und desto mehr Geld können Sie wahrscheinlich in risikoreichere Anlagen investieren. Grundsätzlich wird empfohlen immer ein ausreichendes Reservepolster einzuplanen und nur Geld zu investieren, das Sie nicht benötigen.

Risikobereitschaft

Die Risikobereitschaft ist ein wichtiger Faktor bei der Entscheidung, welche Art von Anlagen gewählt werden sollte. Wenn Sie fähig und bereit sind, höhere Risiken einzugehen, können Sie in risikoreichere Anlagen wie Aktien, Immobilien, Rohstoffe, Derivate oder Kryptowährungen investieren, Wenn Sie jedoch ein sehr sicherheitsorientierter Anlegertyp sind, sollten Sie in sicherere Anlagen wie Anleihen investieren oder Geld einfach sparen.


3.2 Risikoprofile

Banken erstellen in der Regel Risikoprofile von Privatkund*innen, um deren Risikobereitschaft und Risikofähigkeit zu ermitteln und darauf basierend Anlageempfehlungen zu geben. Die genaue Art und Weise, wie diese Profile erstellt werden, ist jedoch von Bank zu Bank unterschiedlich.

In der Regel werden Fragen zu verschiedenen Aspekten der Anleger*innen gestellt, wie z. B. dem Zeithorizont der Anlage, der Anlageziele, dem Einkommen und Vermögen, der Risikobereitschaft, dem Alter, dem Familienstand und dem Beruf, um die Risikobereitschaft und Risikofähigkeit der Kund*innen zu ermitteln. Auf der Grundlage dieser Informationen wird dann ein individuelles Risikoprofil erstellt, das als Grundlage für die Anlageempfehlungen dient.

Es gibt verschiedene Arten von Risikoprofilen, die von Anleger*innen erstellt werden können. Hier sind einige der gängigsten Arten von Risikoprofilen.

  • Konservativ: Konservative Anleger*innen bevorzugen in der Regel sichere Anlageformen mit geringem Risiko und niedriger Rendite.
  • Ausgewogen: Ausgewogene Anleger*innen bevorzugen eine ausgewogene Mischung aus sicheren und risikoreichen Anlageformen.
  • Wachstum: Wachstumsanleger*innen setzen meist auf risikoreiche Anlageformen mit höherer Rendite.
  • Spekulativ: Spekulative Anleger*innen investieren oft in sehr risikoreiche Anlageformen, mit der Möglichkeit, hohe Renditen zu erzielen.


Lernkontrolle

  1. Erläutern Sie die Kriterien zur Bestimmung der Anlagefähigkeit.
  2. Beurteilen Sie die Themen, die die Banken zur Erstellung eines Risikoprofils erfragen.
  3. Unterscheiden Sie die vier gängigsten Arten von Risikoprofilen.


4. Welche Sparmöglichkeiten und Anlagekategorien existieren?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Geld zu sparen oder in unterschiedliche Anlagekategorien zu investieren. Sparen erfolgt meist durch die Anhäufung flüssiger Mittel in Form von Sichtgeldern (Privatkonten), Spargeldern (Sparkonten) oder Termingeldern (Festgeldkonten). Anlagen hingegen sind Gelder, die in Aktien, Anleihen (Obligationen), Anlagefonds oder alternative Anlageformen investiert werden.


4.1 Sparmöglichkeiten

Sparen erfolgt hauptsächlich in verschiedenen Arten von Bankkonti oder mit Kassenobligationen. Für Jugendliche, Studierende oder Senioren werden auch entsprechende Sonderkonti angeboten, die oft von Gebühren befreit sind und auch höhere Zinssätze beinhalten können.

In der Schweiz besteht ein Einlegerschutz über einen Betrag von CHF 100'000.- pro Kunde pro Bank, falls eine in der Schweiz zugelassene Bank in Konkurs gehen würde. Ehepaare mit einem gemeinsamen Konto haben separat Anrecht auf je CHF 100'000.- und auch Kinder gelten als Einzelkunden. Innerhalb eines Monats müsste die Bank allen Kund*innen den gesamten Sparbetrag bis max. CHF 100'000.- auszahlen. Allerdings liegt die maximale Grenze der Auszahlung bei CHF 6 Milliarden, während die gesamten Einlagen auf Schweizer Banken aber CHF 400 Milliarden betragen. Somit würden die CHF 6 Milliarden aber nicht für Grossbanken reichen. Die meisten Kantonalbanken (ausser die der Kantone Bern, Waadt und Genf) verfügen zusätzlich über eine volle Staatsgarantie durch den jeweiligen Kanton, die 100% der Kundengelder absichert. Wichtig zu wissen ist, das z. B. Aktien und Anleihen, die nur im Wertschriftendepot der Bank gelagert sind und damit nicht im Eigentum der Bank sind (treuhänderische Verwaltung), wie auch Inhalte im Banksafe (Aufbewahrung) nicht in die Konkursmasse einer Bank fallen und somit vor einem Bankenkonkurs geschützt sind.

Privatkonto

Ein Privatkonto ist ein Bankkonto, das für den täglichen Zahlungsverkehr genutzt wird. Es ist in der Regel mit einer Debitkarte (Lastschriftverfahren (LSV)) oder Kreditkarte (Bezahlung per Lastschriftverfahren oder Rechnung) verknüpft und ermöglicht Überweisungen, Lastschriften, Barabhebungen und Direktzahlungen. Das Geld ist täglich verfügbar, allerdings ist der Zinssatz von allen Sparmöglichkeiten am tiefsten. Beim Privatkonto können z. B. folgende Bankgebühren anfallen: Grundgebühr, Kosten für Zahlungseingänge, Spesen für Zahlungs- und Daueraufträge, Kosten für Bargeldbezüge, Gebühr für Debit- oder Kreditkarten, Sollzins bei Überziehung (Kontokorrentkonto), Gebühren für Auslandüberweisungen.

Sparkonto

Ein Sparkonto ist ein Bankkonto, auf dem Sie Geld sparen können. Es bietet in der Regel einen etwas höheren Zinssatz als ein Privatkonto, ist aber weniger flexibel in Bezug auf den Zugriff auf das Geld, oft kann nur ein bestimmter maximaler Betrag pro Monat, Quartal oder sogar Jahr bezogen werden. Viele Banken bestimmen einen Maximalbetrag für den höheren Zinssatz. Liegt mehr Geld auf dem Konto, wird der Betrag über dem Maximalbetrag mit einem geringeren Zinssatz vergütet. Zudem sind normalerweise keine Überweisungen und Daueraufträge möglich. Auch beim Sparkonto können je nach Bank neben der Grundgebühr weitere Gebühren anfallen.

Festgeldkonto

Ein Festgeldkonto ist ein Bankkonto, auf dem Sie Ihr Geld für einen festgelegten Zeitraum anlegen können (Termingeld). Es bietet in der Regel eine höhere Verzinsung als ein Privatkonto oder Sparkonto, erfordert jedoch eine Mindestanlagesumme und ist weniger flexibel in Bezug auf den Zugriff auf das Geld, da dieses für ein fixe Zeitdauer angelegt ist. Rückzüge während der Laufzeit sind grundsätzlich nicht möglich. Normalerweise fallen bei einem Festgeldkonto keine Gebühren an.

Kassenobligationen

Eine Kassenobligation ist rechtlich gesehen ein Darlehen an eine Bank und gehört zum Termingeld. Es ist eine Möglichkeit für Anleger*innen, ihr Geld für eine bestimmte Laufzeit fest anzulegen und dafür einen festen Zinssatz zu erhalten. Die Laufzeit einer Kassenobligation beträgt in der Regel zwischen zwei und acht Jahren. Der Zinssatz ist bereits beim Kauf einer Kassenobligation bekannt und danach für die ganze gewählte Laufzeit fest. Nach Ablauf der Kassenobligation zahlt die Bank Ihnen den gesamten Betrag der Kassenobligation zurück. Eine Rückzahlung vor Ablauf ist nicht möglich. Die Mindestanlagesumme beträgt oft CHF 1'000.-. Normalerweise fallen für den Kauf einer Kassenobligation keine Gebühren an.


4.2 Anlagekategorien

Geld kann in verschiedenen Anlagekategorien investiert werden. Nachfolgend finden Sie eine Übersicht über die wichtigsten Anlagekategorien.

Aktien

Eine Anlageform, bei der man Anteile an einem Unternehmen kauft. Die Rendite besteht aus Ausschüttungen in Form von Dividenden sowie Kursgewinn bzw. -verlusten. Es handelt sich um eine risikoreichere Anlageform.

Anleihen (Obligationen)

Eine Anlageform, bei der man einem Emittenten (Herausgeber der Anleihe), z. B. einem Unternehmen oder Staat Geld leiht (Darlehen). Staaten und Unternehmen können zur Finanzierung ihrer Aktivitäten (z. B. Bau eines Flughafens, von Spitälern oder Universitäten oder Kauf eines Unternehmens) Darlehen aufnehmen, indem Sie Anleihen emittieren bzw. herausgeben, die die Anleger*innen erwerben können. Sie geben dem Emittenten für eine bestimmte Laufzeit ein Darlehen und erhalten dafür als Rendite einen festen Zinssatz, der normalerweise höher als bei einem Sparkonto ist, und Sie können von möglichen Kursgewinnen profitieren. Die Rendite ist normalerweise niedriger als bei Aktien, aber das Risiko ist auch geringer. Nach Ablauf der Anleihe zahlt der Emittent den Anleger*innen 100% der Anleihe zurück. Anleihen können während ihrer Laufzeit jederzeit gehandelt werden (im Gegensatz zu Kassenobligationen).

Anlagefonds

Ein Anlagefonds ist ein Vermögen, das aus den Einzahlungen vieler einzelner Anleger*innen besteht und dessen Fondsleitung meistens in verschiedene Anlagekategorien investiert. Durch diese Risikoverteilung sowie der Möglichkeit, bereits kleinere Beträge in Anlagefonds zu investieren, eignet sich diese Anlagekategorie gut für Kleinanleger*innen. In der Schweiz zugelassene Anlagefonds sowie Indexfonds gelten zudem als Sondervermögen und sind von einem Bankenkonkurs nicht betroffen, das sie den Kunden gehören und nicht in die Konkursmasse einer Bank fallen.

Alternative Anlagen

Alternative Anlagen sind Kapitalanlagen, die nicht zu den traditionellen Finanzprodukten wie Aktien, Anleihen oder Anlagefonds gehören. Sie können in verschiedene Kategorien unterteilt werden, wie zum Beispiel Derivative Instrumente, Immobilien, Rohstoffe, Kryptowährungen, Private Equity, Hedgefonds etc.. Alternative Anlagen können sich oft gegenläufig zu herkömmlichen Anlagen entwickeln, da sie weit weniger von der Zinsentwicklung und den Aktienmärkten beeinflusst werden. Sie können für Anleger*innen interessant sein, da sie eine Möglichkeit bieten, das Portfolio zu diversifizieren und von Wechselkursentwicklungen zu profitieren. Allerdings bergen sie auch Risiken, da sie oft weniger liquide sind und höhere Gebühren aufweisen als traditionelle Anlagen.

  • Derivative Instrumente: Finanzinstrumente, deren Wert von der Wertentwicklung eines anderen Vermögenswertes abgeleitet wird. Der zugrunde liegende Vermögenswert (Basiswert) kann z. B. eine Aktie, ein Rohstoff oder eine Währung sein. Derivate können in verschiedene Kategorien eingeteilt werden, wie z. B. Forwards, Futures, Optionen oder Swaps. Derivate werden oft als Absicherungsinstrumente eingesetzt, um das Risiko von Preisveränderungen oder Schwankungen des zugrunde liegenden Vermögenswertes zu reduzieren, aber auch als Spekulationsinstrumente.
  • Immobilien: Eine Anlageform, bei der man in Immobilien investiert. Die Anlage in Immobilien kann risikoreich sein, dies ist oft abhängig vom Standort der Immobilien.
  • Rohstoffe: Eine Anlageform, bei der man in Rohstoffe wie Gold, Silber oder Öl investiert. Gold gilt als eher wertbeständig und wird in wirtschaftlich unsicheren Zeiten oder bei starken Währungsschwankungen verstärkt nachgefragt.
  • Fremdwährungen: Anlagen in Fremdwährungen sind Investitionen in Währungen, die nicht die eigene Landeswährung sind. Sie können auf verschiedene Arten getätigt werden, wie zum Beispiel durch den Kauf von ausländischen Aktien oder Anleihen, den direkten Kauf von Fremdwährungen auf einem Devisenkonto (Sparkonto in einer Fremdwährung) oder den Kauf von Fonds, die in ausländischen Währungen investieren. Anlagen in Fremdwährungen können für Anleger*innen interessant sein, da sie eine Möglichkeit bieten, das Portfolio zu diversifizieren und von Wechselkursentwicklungen zu profitieren. Allerdings bergen sie auch Risiken, da Wechselkurse grösseren Schwankungen unterworfen sein können.
  • Kryptowährungen: Anlagen in Kryptowährungen sind Investitionen in digitale Währungen, die auf der Blockchain-Technologie basieren. Kryptowährungen wie Bitcoin, Ethereum und Litecoin sind einige bekannte Beispiele. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, in Kryptowährungen zu investieren. Eine Möglichkeit besteht darin, Kryptowährungen direkt auf einer Krypto-Börse zu kaufen und zu verkaufen. Eine andere Möglichkeit besteht darin, in Kryptowährungsfonds oder -zertifikate zu investieren, die von Finanzinstituten angeboten werden. Kryptowährungen sind sehr volatil sind und beinhalten hohe Risiken, da die Preise stark schwanken können.
  • Strukturierte Produkte: Anlagen in künstlich geschaffene, komplexe Finanzinstrumente, die verschiedene Anlageinstrumente verbinden. Die Verzinsung und der Rückzahlungswert hängen von verschiedenen Basiswerten wie z. B. Aktien ab. Strukturierte Produkte werden an der Börse gehandelt und beinhalten oft höhere Gebühren als andere Anlagemöglichkeiten.
  • Hedgefonds: Ein Hedgefonds ist ein aktiv verwalteter Investmentfonds, der hauptsächlich in alternative Anlagen investiert und deshalb höhere Risiken eingeht als klassische Anlagefonds. Er gehört zur riskantesten Anlageklasse und die Investoren verfügen meistens über ein sehr hohes Anlagekapital, sodass diese Anlage für Kleinanleger*innen nicht geeignet ist.
  • Private Equity: Private, institutionelle Anleger (Pensionskassen) oder Versicherungen investieren bei Private Equity in nicht börsenkotierte Unternehmen, die sich noch in der Entwicklungsphase (Startups), einer Wachstumsphase oder einer Umstrukturierungsphase befinden. Die Investitionen können in Form von Eigenkapital, aber auch als Kombination aus Eigen- und Fremdkapital erfolgen. Investitionen in Private Equity beinhaltet hohe Risiken und ist für Kleinanleger*innen nicht geeignet.
  • Venture Capital / Corporate Venture Capital: Venture Capital (VC), zu Deutsch Wagniskapital, ist eine Form der Finanzierung, bei der Investoren in das Eigenkapital von Startup-Unternehmen oder kleineren Unternehmen mit hohem Wachstumspotenzial investieren. Diese Investoren, auch als Venture-Capital-Geber oder Risikokapitalgeber bezeichnet, sind oft institutionelle Anleger, private Investmentfonds oder vermögende Einzelpersonen. Beim Corporate Venture Capital sind die Investoren Grossunternehmen, die in Startup-Unternehmen oder kleinere Unternehmen mit hohem Wachstumspotential investieren. Solche Investitionen beinhalten hohe Risiken und sind für Kleinanleger*innen nicht geeignet.


Lernkontrolle

  1. Unterscheiden Sie die verschiedenen Sparmöglichkeiten.
  2. Unterscheiden Sie die Anlagekategorien Aktien und Anleihen (Wertschriften).
  3. Unterscheiden Sie Anlagefonds und Hedgefonds.
  4. Beschreiben Sie die verschiedenen alternative Anlagen.


5. Wertpapiere: Aktien und Anleihen

In diesem Kapitel wird die Anlagekategorie Wertpapiere, also Aktien und Anleihen, näher beschrieben. Die Bonität (Kreditwürdigkeit und Kreditfähigkeit) von Unternehmen und Institutionen, die Aktien oder Anleihen herausgeben, wird von Ratingagenturen gemessen, wobei ein Triple A (AAA, Aaa) den besten Wert und D den schlechtesten Wert darstellt. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Emittent zahlungsunfähig wird, beträgt bei einer Kreditwürdigkeit über 10 Jahre mit einem Triple A unter 1%, mit einem A ca. 2% und mit einem B ca. 25%.


5.1 Aktien

Eine Aktie ist ein Wertpapier, das den Anteil an einem Unternehmen darstellt und Mitgliedschaftsrechte (Teilnahme an der Generalversammlung, Stimm- und Wahlrecht an der Generalversammlung, Informations- und Kontrollrechte) und Vermögensrechte (Recht auf Dividende, Liquidationserlös und Bezugsrecht) beinhaltet. Durch den Kauf einer Aktie erwerben Sie einen Teil des Unternehmens und werden zum Miteigentümer. Die Aktie lautet auf einen Nennwert, dieser Wert multipliziert mit den ausgegebenen Aktien entspricht dem Aktienkapital eines Unternehmens. Aktien können an der Börse zum jeweiligen Kurswert gehandelt werden, der von verschiedenen Faktoren wie der finanziellen Situation des Unternehmens, dessen Dividendenpolitik und Wachstumsaussichten, Angebot und Nachfrage sowie wirtschaftlichen Einflussfaktoren abhängt.


5.1.1 Aktienarten

Es bestehen zwei verschiedene Arten von Aktien und dazu noch drei Spezialformen.

Inhaberaktien

Die Inhaber*in von Inhaberaktien gilt automatisch als berechtigte Person, wobei der Name der Aktiengesellschaft nicht bekannt sein muss. Somit erfolgt die Übertragung schon durch die Übergabe der Inhaberaktie (Art. 689a OR). Der Nennwert muss voll einbezahlt werden (Art. 683 OR).

Namenaktien

Die Inhaber*innen von Namenaktien sind der Aktiengesellschaft bekannt und die Aktien lauten auf ihren Namen. Die Übertragung erfolgt durch eine schriftliche Erklärung (Indossament) auf der Aktie (Art. 684 OR).

Spezialformen

  • Vinkulierte Namenaktien: Die Übertragung der Aktie ist nur mit Zustimmung der Gesellschaft möglich, somit hat diese Einfluss auf die Zusammensetzung der Aktionäre (Art. 685a ff. OR).
  • Stimmrechtsaktien: Sie besitzen einen geringeren Nennwert als die restlichen Aktien (Stammaktien), aber wie diese auch eine Stimme pro Aktie. Somit sind Stimmrechtsaktien gegenüber den Stammaktien besser gestellt, da weniger Kapitaleinsatz für eine Stimme notwendig ist. Der Nennwert von Stimmrechtsaktien darf nicht weniger als ein Zehntel der Stammaktien betragen (Art. 693 OR).
  • Vorzugsaktien: Sie besitzen gegenüber den Stammaktien vermögensrechtliche Vorteile, wie z. B. den Anspruch auf eine höhere Dividende (Art. 654 OR, Art. 656 OR).


5.1.2 Eigenschaften von Aktien

Zu den wichtigsten Eigenschaften von Aktien als Anlagekategorie gehören die folgenden Eigenschaften:

  • Liquidität: Aktien sind sehr liquide Wertpapiere, da sie jederzeit an der Börse oder auch ausserbörslich (OTC, Direkthandel) gekauft und verkauft werden können.
  • Rendite: Aktien bieten die Möglichkeit, eine hohe Rendite zu erzielen, da sie an der Wertentwicklung des Unternehmens beteiligt sind.
  • Risiko: Aktien sind risikoreiche Wertpapiere, da der Kurs einer Aktie stark schwanken kann (Volatilität) und es auch möglich ist, dass das Unternehmen insolvent wird.


5.1.3 Wissenswertes als Aktionär*in

Durch den Kauf einer Aktie werden Sie Miteigentümer*in einer Aktiengesellschaft und haben Mitgliedschafts- und Vermögensrechte.

Mitgliedschaftsrechte

Sie haben als Aktionär*in das Recht an der Generalversammlung teilzunehmen und dort auch ihre Stimm- und Wahlrechte auszuüben (normalerweise eine Stimme pro Aktie). Zudem haben Sie Informations- und Kontrollrechte, wie z. B. die Einsicht in den Geschäftsbericht (Jahresbericht und Jahresrechnung mit Erfolgsrechnung und Bilanz).

Vermögensrechte

Als Aktionär*in haben Sie Anspruch auf eine Dividende (verhältnismässiger Anteil am Gewinn der Aktiengesellschaft). Zudem haben Sie bei der Auflösung der Aktiengesellschaft Anspruch auf einen verhältnismässigen Anteil am Liquidationswert und bei einer Kapitalerhöhung Anspruch, einen Teil der neuen Aktien zu erwerben, der ihrem bisherigen prozentualen Anteil Aktien entspricht.

Haftung

Als Aktionär*in haften Sie nicht persönlich für die die Schulden der Aktiengesellschaft, Sie können bei einem Konkurs der Aktiengesellschaft maximal den Wert Ihrer Aktien verlieren.

Steuern

Als Aktionär*in müssen Sie ihre Dividendenerträge als Einkommen sowie den Wert der Aktien als Vermögen versteuern. Es wird dabei von einer Doppelbesteuerung gesprochen, weil die Aktiengesellschaft vorhergehend schon auf dem Gewinn (Gewinnsteuern) und dem Kapital (Kapitalsteuern) besteuert wurde.


5.2 Anleihen (Obligationen)

Eine Anleihe ist ein Wertpapier, das von einem Unternehmen, einer Regierung oder einer anderen Organisation ausgegeben wird, um Kapital zu beschaffen. Wenn Sie eine Anleihe kaufen, leihen Sie dem Emittenten (Herausgeber) Geld (Fremdkapital) und erhalten dafür Zinsen. Die Zinsen werden in der Regel jährlich oder halbjährlich gezahlt und der Nennwert der Anleihe wird am Ende der Laufzeit zurückgezahlt. Als Besitzer*in einer Anleihe sind Sie nicht Miteigentümer*in sondern Fremdkapitalgeber*in.

Der Preis der Anleihe

Der Preis (bzw. Kurswert) einer Anleihe hängt von verschiedenen Faktoren ab, wie zum Beispiel der Bonität des Emittenten, der Laufzeit der Anleihe und den aktuellen Marktzinssätzen. Die Kurse schwanken normalerweise weniger stark als die Kurse von Aktien (tieferes Risiko) und am Ende der Laufzeit liegt der Kurs bei 100%.

Der Zinssatz der Anleihe

Der Zinssatz einer Anleihe wird neben der Laufzeit (längere Laufzeiten sind mit einer höheren Unsicherheit behaftet und haben meistens einen höheren Zinssatz) und dem allgemeinen Zinsniveau (z. B. bei einem tiefen Leitzins der Nationalbank und tiefen Marktzinssätzen, bieten auch Anleihen tiefere Zinsen an) sowie durch die Kreditwürdigkeit (Fähigkeit eines Kreditnehmers, einen Kredit zurückzuzahlen und die Zinsraten zu bezahlen) und die Kreditfähigkeit (finanzielle Stabilität eines Unternehmens, einen Kredit zu erhalten) des Emittenten beeinflusst. Je höher die Bonität (Kreditwürdigkeit und Kreditfähigkeit) und damit die Sicherheit eines Emittenten, desto tiefer kann der Emittent einen Zinssatz ansetzen, da die Anlage für Anleger*innen, die ein tiefes Risiko und eine hohe Sicherheit suchen, interessant ist. Anleihen von Emittenten mit tieferer Bonität, verfügen somit über einen höheren Zinssatz, da das Verlustrisiko höher ist.


5.2.1 Arten von Anleihen

Es gibt viele verschiedene Arten von Anleihen, die sich hauptsächlich nach den Emittenten und der Art der Zinsausschüttung unterscheiden. Hier sind einige der wichtigsten Arten von Anleihen:

  • Staatsanleihen: Staatsanleihen werden von Regierungen ausgegeben und gelten als relativ sicher, da sie durch die wirtschaftliche Kraft des jeweiligen Staates garantiert werden. Allerdings ist auf die Bonität des jeweiligen Staates zu achten, die sich stark unterscheiden kann.
  • Unternehmensanleihen: Unternehmensanleihen werden von Unternehmen ausgegeben, um Kapital aufzunehmen. Sie bieten in der Regel eine höhere Rendite als Staatsanleihen, sind jedoch auch risikoreicher.
  • Wandelanleihen: Wandelanleihen sind Anleihen, die dem Inhaber das Recht geben, die Anleihe zu einem späteren Zeitpunkt in Aktien des emittierenden Unternehmens umzuwandeln. Sie bieten somit die Möglichkeit, von steigenden Aktienkursen zu profitieren, haben jedoch auch ein höheres Risiko als herkömmliche Anleihen. Nach Wandlung der Anleihe in Aktien besitzen Anleger*innen die Aktien anstelle der Anleihen.
  • Optionsanleihen: Optionsanleihen sind eine spezielle Form von Anleihen, die den Inhaber*innen das Recht einräumen, zu einem späteren Zeitpunkt mittels einer Call-Option zusätzliche Aktien des emittierenden Unternehmens zu einem vorher festgelegten Preis zu erwerben. Die Call-Option auf den Erwerb von Aktien wird in Form eines Optionsscheines an die Anleihe angehängt. Nach Ausübung der Option besitzen Anleger*innen die Anleihen sowie die erworbenen Aktien.
  • Null-Coupon-Anleihe: Diese Anleihen beinhalten keine Zinszahlungen, sie werden dafür unter dem Nennwert herausgegeben. Somit werden die Anleger*innen bis zum Ende der Laufzeit einen Kursgewinn erzielen, da der Kurs am Ende der Laufzeit 100% des Nennwerts betragen wird.


5.2.2 Kauf und Verkauf von Anleihen

Beim Kauf und Verkauf von Anleihen wird für die Berechnung des Kauf- bzw. Verkaufspreises neben dem aktuellen Kurswert der Anleihe (in % vom Nennwert) auch der bisher aufgelaufene Marchzins (Zinsdatum bis Kaufs- bzw. Verkaufsdatum) sowie die Courtage und die eidgenössische Umsatzabgabe berücksichtigt.

Der Ausgabepreis einer Anleihe muss nicht ihrem Nennwert entsprechen. Somit kann der Ausgabepreis anstelle von 100% einen höheren oder tieferen Wert aufweisen (z. B. 79.5%). Der Kurswert der Anleihe kann bis zum Ablaufdatum schwanken, aber am Ende der Laufzeit beträgt er 100%

Formel Kauf einer Anleihe

Kurswert (in % vom Nennwert) plus Marchzins ((Nennwert * Zinssatz * Anzahl Zinstage (Differenz letztes Zinsdatum und Verkaufsdatum)/(100 * 360)) plus Courtage plus eidg. Umsatzabgabe (0.075%)

Formel Verkauf einer Anleihe

Kurswert (in % vom Nennwert) plus Marchzins ((Nennwert * Zinssatz * Anzahl Zinstage (Differenz letztes Zinsdatum und Verkaufsdatum)/(100 * 360)) minus Courtage minus eidg. Umsatzabgabe (0.075%)


5.2.3 Die Rendite einer Anleihe

Die Rendite einer Anleihe ist die effektive Verzinsung einer Anleihe bis zum Ende der Laufzeit und wird oft als "Yield to Maturity" (YTM) bezeichnet. Sie berücksichtigt den Nennwert der Anleihe, den aktuellen Anleihepreis, die Couponzahlungen und die Laufzeit. Die Rendite wird durch die folgende Formel berechnet:

YTM=((C+(F-P)/n)/((P+F)/2))

C ist der jährliche Coupon, F ist der Nennwert der Anleihe, P ist der aktuelle Anleihepreis, n ist die Restlaufzeit der Anleihe


5.3 Der Unterschied zwischen Anleihen und Aktien

Aktien und Anleihen unterscheiden sich in Bezug auf Sicherheit, Rendite und Liquidität wie folgt:

  • Sicherheit: Anleihen gelten im Allgemeinen als sicherer als Aktien, da sie eine feste Verzinsung und ein festes Rückzahlungsdatum haben. Aktien hingegen sind risikoreicher, da ihr Wert stark schwanken kann und es auch möglich ist, dass das Unternehmen insolvent wird.
  • Rendite: Aktien bieten in der Regel eine höhere Rendite als Anleihen, da sie an der Wertentwicklung des Unternehmens beteiligt sind. Anleihen bieten jedoch eine höhere Sicherheit der Rückzahlung und eine garantierte Verzinsung.
  • Liquidität: Aktien sind in der Regel liquider als Anleihen, da es mehr Transaktionen und damit ein höheres Handelsvolumen gibt. Somit ist die Abwicklung von Verkäufen und Käufen einfacher. Beide Wertpapiere werden aber an der Börse gehandelt.

Wenn die letzten 100 Jahre an der Schweizer Börse angeschaut werden, dann kann das folgende Fazit gezogen werden:

  • Aktien erzielten eine höhere nominale und reale Rendite als Anleihen (real bedeutet, dass die Rendite inflationsbereinigt ist).
  • Das Risiko von Aktien gegenüber Anleihen ist ca. sechsmal höher.
  • Je länger der Anlagehorizont bei Aktien, desto tiefer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die nominale und reale Wertentwicklung von Aktien kleiner ist als bei Anleihen.
  • Langfristige Investitionen erzielen eine höhere Rendite als Trading, die langfristige Durchschnittsrendite ist hoch, dies spricht auch für ein breit abgestütztes Portfolio (siehe Anlagefonds).


Lernkontrolle

  1. Unterscheiden Sie die verschiedenen Aktienarten und Spezialformen von Aktien.
  2. Erläutern Sie drei Eigenschaften von Aktien.
  3. Erläutern Sie die Mitgliedschafts- und Vermögensrechte, die Sie als Aktionär*in haben.
  4. Erklären Sie die wovon Preis und Zinssatz einer Anleihe abhängen.
  5. Unterscheiden Sie die Arten von Anleihen.
  6. Erläutern Sie, wie der Kauf und Verkauf einer Anleihe berechnet wird.
  7. Erläutern Sie, wie die Rendite einer Anleihe berechnet wird.
  8. Unterscheiden Sie Aktien und Anleihen.


6 Anlagefonds

Ein Anlagefonds ist ein Vermögen, das aus den Einzahlungen vieler einzelner Anleger*innen besteht. Das Fondsvermögen wird je nach Fonds von Anlageexperten auf den internationalen Wertschriftenmärkten in Aktien, Obligationen und weiteren Anlagen investiert. So ermöglichen Ihnen Anlagefonds eine hohe Diversifikation schon bei kleinen Anlagesummen. Entsprechend der Höhe Ihrer Einlage besitzen Sie Anteile (Anteilsscheine) am Anlagefonds. Der Wert dieser Anteile richtet sich nach dem Kurs der Wertpapiere im Fondsvermögen. Fondsanteile können in der Regel jederzeit dazugekauft oder wieder veräussert werden.


6.1 Der Diversifikationseffekt von Anlagefonds

Der Diversifikationseffekt ist ein wichtiger Aspekt und Vorteil eines Anlagefonds. Durch die Investition in eine Vielzahl von Wertpapieren kann das Risiko verteilt und reduziert werden, da Verluste in einem Bereich durch Gewinne in einem anderen Bereich ausgeglichen werden können. Sie bieten eine breite Diversifikation, da sie in eine Vielzahl von Wertpapieren investieren, wie z. B. Aktien, Anleihen, Rohstoffe, Immobilien etc.. Allerdings kann der Diversifikationseffekt auch dazu führen, dass die Rendite des Fonds niedriger ist, als die Rendite der am stärksten steigenden Anlagen. Ein Anlagefonds gibt zudem auch Kleinanleger*innen die Möglichkeit, am Kapitalmarkt zu investieren, da auch kleiner Fondsanteile gekauft und verkauft werden können.


6.2. Arten von Anlagefonds

Es gibt verschiedene Arten von Anlagefonds, die sich hauptsächlich nach den Anlagekategorien unterscheiden. Hier sind einige der wichtigsten Arten von Anlagefonds:

  • Aktienfonds: Das Vermögen besteht aus Aktien und ein Fonds fokussiert sich oft auf bestimmte Branchen, Regionen oder Länder.
  • Anleihefonds: Das Vermögen ist in Unternehmens- und Staatsanleihen angelegt. Sie sind weniger riskant als Aktienfonds, können aber auch niedrigere Renditen abwerfen.
  • Strategiefonds (Mischfonds): Das Vermögen ist gemischt in Geld, Aktien, Anleihen, Immobilien, Rohstoffe etc. angelegt, um unterschiedliche Anlagestrategien und Risikostufen abzubilden. Die häufigsten Anlagekategorien sind Aktien und Anleihen. Sie bieten eine breite Diversifikation.
  • Immobilienfonds: Immobilienfonds investieren in Häuser, Wohnungen, Büroliegenschaften oder Grundstücke. Die Fonds können unterschiedlich viele Einzelobjekte besitzen, von knapp über zehn bis zu über 300 Liegenschaften (Immobilienfonds in der Schweiz).

Anlagefonds können aktiv oder passiv (Indexfonds) verwaltet werden. Aktive verwaltete Fonds beschäftigen Finanzanalysten, die die Unternehmen und Märkte analysieren und versuchen, die renditeträchtigsten Anlage auszuwählen, sodass diese Fonds besser als der Marktdurchschnitt abschneiden. Dies ist kostenintensiv und deswegen haben aktive Fonds höhere Gebühren. Zudem gelingt es diesen Fonds nicht immer, besser als der Marktdurchschnitt abzuschneiden.

Passive verwaltete Fonds können in Indexfonds und Exchange-Traded-Funds (ETF) unterteilt werden. Sie repräsentieren ein spezifisches Marktsegment wie z. B. die Unternehmen des SMI oder die Unternehmen des DAX. Somit werden die Titel bei der Definition des Fonds bestimmt und nicht mehr verändert und auch die Gewichtung bleibt konstant. Somit würde ein DAX-Index 1% steigen, wenn der DAX 1% steigt. Diese passiv verwalteten Fonds haben tiefere Gebühren als aktive verwaltete Fonds und sind somit für Kleinanleger*innen interessant.

An der Börse gehandelte Indexfonds werden ETF (Exchange-Traded-Funds) genannt. Sie können diese direkt bei der Bank kaufen. Es fallen nur tiefe Kauf- und Verkaufscourtagen sowie Verwaltungsgebühren an.


Lernkontrolle

  1. Erläutern Sie den Diversifikationseffekt von Anleihen.
  2. Unterscheiden Sie die Arten von Anlagefonds.
  3. Unterscheiden Sie aktiv und passiv verwaltete Anlagefonds.


7 Derivate Instrumente

Derivate sind Finanzinstrumente, die sich auf einen bestimmten Basiswert beziehen, wie z. B. Aktien, Anleihen, Währungen etc. oder auch Waren. Die Derivate werden normalerweise in Forwards, Futures, Optionen und Swaps unterteilt.


7.1 Forward

Ein Forward ist ein Termingeschäft, bei dem zwei Geschäftsparteien einen Vertrag über die zukünftige Lieferung und Bezahlung eines bestimmten Basiswertes (z. B. Rohstoffe, Währungen etc.) zu einem zum Vertragsabschluss festgelegten Preis und einem bestimmten, zukünftigen Zeitpunkt schliessen. Forwards werden ausserbörslich gehandelt, deswegen können die Vertragsparteien die Ausgestaltung individuell und gemäss ihren Bedürfnissen festlegen. Allerdings besteht der Nachteil, dass Forward-Kontrakte in der Regel nicht weiterverkauft werden können, da sich selten jemand findet, der in den Vertrag anstelle des ursprünglichen Käufers oder Verkäufers eintreten möchte.

Ein Forward kann beispielsweise eingesetzt werden, wenn Sie eine Währung oder einen Rohstoff wie Öl oder Weizen zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Zukunft benötigen. Mit dem Abschluss eines Forward-Kontrakts, sichern Sie sich gegen Preisschwankungen dieser Basiswerte ab.


7.2 Future

Futures sind standardisierte Termingeschäfte, bei denen Basiswert, Menge und Fälligkeitstermin einheitlich sind. Sie werden im Gegensatz zu Forwards an Börsen (Eurex) gehandelt. Dabei verpflichten sich ein Käufer und ein Verkäufer, einen Basiswert (z. B. eine Ware oder einen Vermögenswert) zu einem festgelegten Preis zu einem festgelegten Zeitpunkt zu beziehen. Beim Verkauf eines Futures muss der Verkäufer dem Käufer den Basiswert zum vereinbarten Zeitpunkt liefern.


7.3 Optionen

Optionen sind Finanzinstrumente, die dem Inhaber das Recht einräumen, ein bestimmtes Wertpapier zu einem festgelegten Preis innerhalb eines bestimmten Zeitraums zu kaufen oder zu verkaufen. Sie werden in Call-Optionen und Put-Optionen unterteilt.


7.3.1 Call-Optionen

Eine Call-Option ist ein Finanzinstrument, das dem Inhaber das Recht einräumt, ein bestimmtes Wertpapier zu einem festgelegten Preis innerhalb eines bestimmten Zeitraums zu kaufen.

Der Käufer einer Call-Option profitiert, wenn der Preis des Basiswerts steigt. Für die Call-Option zahlt der Käufer einen Optionspreis an den Verkäufer.

Der Verkäufer der Call-Option hat die Pflicht, den Basiswert (Wertpapier) zum festgelegten Preis innerhalb des bestimmten Zeitraums an den Käufer der Call-Option zu verkaufen, falls der Käufer die Call-Option ausübt. Er erhält vom Käufer beim Kauf der Call-Option den Optionspreis erstattet.

Eine Call-Option kann eingesetzt werden, wenn Sie beispielsweise glauben, dass der Preis einer Aktie in naher Zukunft steigen wird. Dann können Sie eine Call-Option mit einem niedrigeren Kaufpreis als der von ihnen erwartete zukünftige Kurswert einer Aktie kaufen. Wenn der Preis der Aktie tatsächlich steigt, können Sie die Call-Option ausüben und die Aktie zu einem niedrigeren Preis kaufen, als sie auf dem Markt gehandelt wird. Sie können dann die Aktie auf dem Markt zum höheren Kurswert weiterverkaufen und einen Gewinn erzielen.

Faktoren, die den Preis einer Call-Option beeinflussen, sind z. B. der Preis des Basiswerts (Call-Option ist umso teurer, je mehr der Kurswert des Basiswertes über dem Ausübungspreis liegt), die Laufzeit der Option und die Volatilität des Basiswerts.


7.3.2 Put-Optionen

Eine Put-Option ist ein Finanzinstrument, das dem Inhaber das Recht einräumt, ein bestimmtes Wertpapier zu einem festgelegten Preis innerhalb eines bestimmten Zeitraums zu verkaufen.

Der Käufer einer Put-Option profitiert, wenn der Preis des Basiswerts sinkt. Für die Put-Option zahlt der Käufer einen Optionspreis an den Verkäufer.

Der Verkäufer einer Put-Option hat die Pflicht, den Basiswert (Wertpapier) zum festgelegten Preis innerhalb des bestimmten Zeitraums vom Käufer der Put-Option zu kaufen, falls der Käufer die Put-Option ausübt. Er erhält vom Käufer beim Kauf der Put-Option den Optionspreis erstattet.

Eine Put-Option kann eingesetzt werden, wenn Sie beispielsweise glauben, dass der Preis einer Aktie in naher Zukunft sinken wird. Dann können Sie eine Put-Option mit einem höheren Verkaufspreis als der von ihnen erwartete zukünftige Kurswert einer Aktie kaufen. Wenn der Preis der Aktie tatsächlich sinkt, können Sie die Put-Option ausüben und die Aktie zu einem höheren Preis verkaufen, als sie auf dem Markt gehandelt wird. Dazu kaufen Sie die Sie die Aktie auf dem Markt zum tieferen Kurswert ein, um Sie zum höheren Ausübungspreis weiterzuverkaufen und einen Gewinn erzielen.

Es gibt verschiedene Faktoren, die den Preis einer Put-Option beeinflussen, wie z. B. der Preis des Basiswerts (Put-Option ist umso teurer, je tiefer der Kurswert des Basiswertes über dem Ausübungspreis liegt), die Laufzeit der Option und die Volatilität des Basiswerts.


7.4 Swap

Ein Swap ist ein Finanzinstrument, das aus dem Austausch von zukünftigen Zahlungsströmen (Cash Flows) besteht. Es handelt sich um ein Termingeschäft, bei dem zwei Geschäftsparteien einen Vertrag über die zukünftige Lieferung und Bezahlung eines bestimmten Basiswertes zu einem zum Vertragsabschluss festgelegten Preis und einem bestimmten, zukünftigen Zeitpunkt schliessen.

Swaps werden oft als Absicherungsinstrumente eingesetzt, um das Risiko von Preisveränderungen oder Schwankungen des zugrunde liegenden Vermögenswertes zu reduzieren.

Es gibt verschiedene Arten von Swaps, wie z. B. Zinsswaps, Währungsswaps und Rohstoffswaps.

  • Zinsswap (Interest Rate Swap): Hier tauschen die Parteien Zinszahlungen aus, oft zwischen festen und variablen Zinssätzen. Dies ermöglicht es beispielsweise einem Unternehmen mit einem variablen Zinssatz, sich gegen steigende Zinsen abzusichern.
  • Währungsswap (Currency Swap): In einem Währungsswap tauschen die Parteien Währungen für eine bestimmte Zeitspanne aus. Dies kann genutzt werden, um sich vor Währungsschwankungen zu schützen oder um günstigere Konditionen für Fremdwährungskredite zu erhalten.
  • Rohstoffswap (Commodity Swap): Hier erfolgt der Austausch von Zahlungen basierend auf Preisänderungen von Rohstoffen. Dies kann dazu dienen, sich gegen Preisschwankungen abzusichern.


Lernkontrolle

  1. Unterscheiden Sie Forwards und Futures.
  2. Erläutern Sie Call- und Put-Optionen.
  3. Unterscheiden Sie die verschiedenen Arten von Swaps.


8 Wie funktionieren Börsengeschäfte?

Eine Börse ist ein elektronischer Marktplatz, an dem Käufer und Verkäufer zusammenkommen, um verschiedene Anlagekategorien zu handeln. Unternehmen beschaffen sich an der Börse Kapital und Anleger*innen handeln mit Wertpapieren und weiteren Anlagemöglichkeiten.

An der Börse existieren zwei Arten von Finanzmärkten: Am Primärmarkt nehmen Unternehmen Geld auf, indem sie z. B. Aktien oder Anleihen (Obligationen) ausgeben, die von Anleger*innen gekauft werden. Im Falle von Aktien beschaffen sich Unternehmen am Markt Eigenkapital, dies geschieht üblicherweise bei einem Börsengang oder einer Kapitalerhöhung. Durch die Ausgabe von Anleihen beschaffen sich Unternehmen oder Staaten Fremdkapital. Auf dem Sekundärmarkt werden Aktien, Anleihen und weitere Anlagekategorien gehandelt.

Die Bewegung der Aktienkurse wird oft in Aktienindexen gemessen. Dieser bildet den gewogenen Durchschnitt der darin enthaltenen Aktienkurse ab. In der Schweiz sind der SMI (Swiss Market Index; besteht aus den 20 höchstkapitalisierten börsenkotierten Aktiengesellschaften der Schweiz) und der SPI (Swiss Performance Index; beinhaltet beinahe alle börsenkotierten Aktiengesellschaften der Schweiz) die zwei wichtigsten Indexe. Bekannt sind auch der Dow Jones Index sowie der Nasdaq 100 Index aus den USA, der DAX (Deutscher Aktienindex) aus Deutschland oder der FTSE 100 (Financial Times Stock Exchange) aus Grossbritannien.

Sie als Anleger*in können Ihre Börsengeschäfte über Ihre Bank (Persönliche Beratung, Online-Banking, Mobile-Banking) tätigen, indem Sie einen Auftrag geben, die jeweiligen Anlagen zu kaufen oder zu verkaufen. Die gekauften Anlagen werden meistens auf ihrem Depotkonto angezeigt. Beim Kauf- und Verkauf von Anlagen fallen jeweils unterschiedlich hohe Transaktionsgebühren an.


Lernkontrolle

  1. Unterscheiden Sie den Primär- und den Sekundärmarkt an der Börse.
  2. Erläutern Sie einen Aktienindex.
  3. Erklären Sie, wie Sie Börsengeschäfte tätigen können.


9 Welche Kriterien für Anlageentscheidungen in Aktien gibt es?

Anlageerträge hängen oft von künftigen Ereignissen wie der Entwicklung der finanziellen Gesundheit des Unternehmens, der zukünftigen Dividendenpolitik, des zukünftigen Angebots und Nachfrage oder zukünftigen wirtschaftlichen Einflussfaktoren ab. Somit geht es nicht weniger als darum, die Zukunft vorherzusagen, was ein schwieriges Unterfangen ist. Es bestehen unterschiedliche Theorien für Anlageentscheidungen, einige wichtigere Theorien werden nachfolgend vorgestellt.


9.1 Firm-Fondation Theory und die fundamentale Analyse

Die Firm-Foundation-Theorie ist eine Methode zur Bewertung von Aktien und anderen Vermögenswerten. Sie besagt, dass Vermögenswerte einen «inneren Wert» haben, der auf dem Wert der aktuellen Dividenden und der geschätzten zukünftigen Potenziale des Unternehmens basiert. Der «innere Wert» entspricht dabei dem abgezinsten Wert (Gegenwartswert) aller zukünftigen Dividendenerträge (Discounted-Cash-Flow Methode). Der Kurswert der Aktien an der Börse kann temporär höher oder tiefer als dieser «innere Wert» sein, der Aktienkurs strebt aber langfristig immer gegen den «inneren Wert». So entstehen bei einem Kurswert unter dem «inneren Wert» Ertragsmöglichkeiten durch den Kauf der jeweiligen Aktie und bei einem Kurs über dem «inneren Wert» Ertragsmöglichkeiten durch den Verkauf der jeweiligen Aktie. Allerdings ist die Schätzung der zukünftigen Dividendenerträge mit grosser Unsicherheit behaftet, was einen Nachteil dieser Theorie darstellt.

Die fundamentale Analyse dient zur Auswahl von Aktien, die über hohe Ertragsmöglichkeiten verfügen. Dabei wird angenommen, dass der Markt zu einem sehr hohen Prozentsatz aufgrund von rationalen Merkmalen reagiert und nur zu einem geringen Prozentsatz aufgrund von psychologischen Merkmalen. Es wird versucht, den «inneren Wert» einer Aktie aufgrund der finanziellen Situation eines Unternehmens, den Wachstumschancen und den daraus zu erwartenden Dividendenausschüttungen sowie dem Zinsniveau auf dem Markt zu bestimmen. Daraus kann gefolgert werden, dass der Wert einer Aktie umso höher ausfällt, je tiefer das Risiko des Unternehmens ist, je höher das Wachstum des Unternehmens ist, je höher die Dividendenausschüttung ist und je niedriger das Zinsniveau ist (bei höherem Zinsniveau sind Alternativen wie z. B. Anleihen attraktiver). Allerdings sind Zukunftsschätzungen, wie schon erwähnt, mit einem hohem Unsicherheitsrisiko behaftet und die Daten, die aufgrund dieser Schätzungen berechnet werden, sind mit hoher Wahrscheinlichkeit ungenau.


9.2 Castle-in-the-Air Theory und die technische Analyse

Die Castle-in-the-Air Theory besagt, dass Aktien so viel Wert haben, wie die Anleger*innen bereit sind, dafür zu bezahlen bzw. wie sich die Gesamtheit der Anleger*innen in Zukunft bzgl. ihrer Nachfrage verhalten werden. Anleger*innen versuchen, Anlagen zu identifizieren, die durch die hohe Nachfrage weiterer Anleger*innen ein hohes Potential einer Wertsteigerung haben (Luftschloss), damit sie von dieser profitieren können. Dies ist ein massenpsychologischer Ansatz der zu sogenannten Bubbles (schneller Anstieg eines Wertes bis zur Überbewertung, oft gefolgt von einem schnellen Wertverlust genannt «Bubble-Burst») führen kann. Ein Beispiel ist der starke Anstieg von Internetaktien Ende der neunziger Jahre und dem «Bubble-Burst» 2001.

Die technische Analyse dient zur Bestimmung des optimalen Zeitpunkts von Kauf und Verkauf einer Aktie. Dabei werden Kurscharts von Aktien erstellt und interpretiert, um von den bisherigen Kursbewegungen auf die zukünftigen Bewegungen zu schliessen. Dabei wird angenommen, dass der Markt zu einem sehr hohen Prozentsatz aufgrund von psychologischen Merkmalen reagiert und nur zu einem geringen Prozentsatz aufgrund von rationalen Überlegungen.


9.3 Die Kombination von fundamentaler und technischer Analyse

Oft werden die fundamentale und die technische Analyse kombiniert, indem in Unternehmen investiert wird, die in der Vergangenheit über mehrere Jahre ein hohes Gewinnwachstum erzielt haben und deren Kurswert nicht über dem «inneren Wert» liegt. Dazu wird die Bezugsgrösse Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) verwendet, die eine Annäherung an den «inneren Wert» darstellt. Es zeigt, wie viel die Anleger*innen bereit sind, für jeden CHF Gewinn zu bezahlen. Ein hohes KGV bedeutet, dass die Anleger*innen eine höhere Wachstumsrate des Unternehmens erwarten, ein tiefes KGV bedeutet, dass die Anleger*innen eine tiefe Wachstumsrate des Unternehmens erwarten. Allerdings ist bei einem hohen KGV das erwartete Wachstum schon im Aktienkurs enthalten, was die zukünftigen Ertragschancen beschränken könnte und sogar Verlustrisiken mit sich bringt. Deswegen ist der ideale Zeitpunkt für eine Investition bei einem tiefen KGV einzusteigen, also bei einer Aktie, die noch nicht als Wachstumsaktie gilt, um danach von der Steigerung des Aktienkurses zu profitieren, wenn die Aktie als Wachstumsaktie gilt und weitere Anleger*innen einsteigen.

Die Formel des KGV lautet wie folgt:

KGV = Aktienkurs / Gewinn pro Aktie

Zudem lohnt es sich auch, nach Aktien Ausschau zu halten, deren erwartetes zukünftiges Wachstum bei den Anleger*innen zu einem «Luftschloss» führen könnte.


9.4 Die Moderne Portfoliotheorie (MPT)

Die moderne Portfoliotheorie ist eine Theorie zur Portfoliooptimierung, die von Harry Markowitz entwickelt wurde. Sie besagt, dass Anleger*innen ihr Portfolio so diversifizieren sollten, dass sie ein optimales Verhältnis zwischen Risiko und Rendite erreichen. Dabei sollen Anleger*innen in unterschiedliche Anlagekategorien aus unterschiedlichen Branchen und Märkten investieren. Die Theorie verwendet statistische Methoden, um die Korrelationen zwischen verschiedenen Wertpapieren zu analysieren und das optimale Portfolio zu identifizieren.


9.5 Behavioural Finance

Die Behavioural Finance ist ein Teilgebiet der Finanzwissenschaften, das sich mit der Untersuchung der psychologischen Faktoren befasst, die das Verhalten von Anleger*innen und die Entscheidungsfindung an den Finanzmärkten beeinflussen. Sie geht davon aus, dass Anleger*innen nicht immer rational handeln und dass ihre Entscheidungen oft von Emotionen, Vorurteilen und anderen Faktoren beeinflusst werden.

Dabei wird untersucht, wie die Preisbildung an den Finanzmärkten beeinflusst werden könnten. Eine der wichtigsten Theorien ist die Prospect Theory nach Daniel Kahnemann und Amos Tversky, die besagt, dass Menschen Verluste stärker wahrnehmen als Gewinne und dass sie dazu neigen, risikoavers zu sein, wenn es um Gewinne geht, und risikofreudig, wenn es um Verluste geht. Zudem beschreibt sie auch, wie Menschen Entscheidungen auf der Grundlage von Referenzpunkten treffen und wie diese Verzerrungen bei der Wahrnehmung von Wahrscheinlichkeiten und Risiken aufweisen.

Anleger*innen sind gut beraten, bei sogenannten Luftschlössern vorsichtig zu sein und sich nicht auf Trendaktien zu stürzen, die aufgrund einer Euphorie am Markt stark an Wert gewinnen, da diese ein hohes Risikopotential aufweisen. Ein zu später Einstieg kann hohe Verlustrisiken beinhalten. Zudem sollte gut überlegt werden, ob Aktien die Verluste aufweisen nicht besser abgestossen werden sollen, um weitere Verluste zu verhindern, anstelle des Verkaufs von Gewinnaktien, da dadurch deren zukünftiges Gewinnpotenzial nicht ausgeschöpft werden kann. Als Kleinanleger*innen sollte auch ein zu häufiger Kauf und Verkauf vermieden werden, da bei Kauf und bei Verkauf immer Transaktionsgebühren anfallen, die der Bank bezahlt werden müssen.


Lernkontrolle

  1. Unterscheiden Sie die Fundamentalanalyse und die technische Analyse.
  2. Erläutern Sie die Bedeutung der Kennzahl KGV und deren Berechnung.
  3. Erläutern Sie die Moderne Portfoliotheorie.
  4. Erläutern Sie die wichtigsten Erkenntnisse von Behavioural Finance.


10 Wie kann ich die finanzielle Situation eines Unternehmens beurteilen?

Bei der Fundamentalanalyse wird neben der Vermögens- und Ertragslage, die potentiellen zukünftigen Dividendenausschüttungen sowie die Wachstumsmöglichkeiten beurteilt. Die ersten beiden Kriterien können im Rahmen einer Bilanz- und Erfolgsanalyse des Jahresabschluss einer Aktiengesellschaft anhand von Kennzahlen beurteilt werden. Dabei wird die finanzielle Situation einer Aktiengesellschaft analysiert und beurteilt. In diesem Kapitel lernen Sie zuerst zwei weitere Vertiefungsthemen der Buchführung kennen, die ihnen die Bilanz- und Erfolgsanalyse erleichtert. Danach lernen Sie wichtige Kennzahlen und deren Richtwerte kennen, die Sie zur Bilanz- und Erfolgsanalyse des Jahresabschlusses einer Aktiengesellschaft einsetzen können.


10.1 Vertiefung: Konto «Vorräte» - Lagerbestand an Waren

Ein Handelsunternehmen kauft und verkauft laufend Waren während des Geschäftsjahres. Die Wareneinkäufe werden im Konto «Warenaufwand» erfasst und die Warenverkäufe werden im Konto «Ertrag aus Lieferungen und Leistungen» erfasst.

Beispiel Verbuchung eines Wareneinkaufs:

Warenaufwand / VLL (Einkauf auf Rechnung)

VLL / Bank (Bezahlung der Rechnung durch Handelsunternehmen)


Beispiel Verbuchung eines Warenverkaufs:

FLL / Ertrag aus Lieferungen und Leistungen (Verkauf auf Rechnung)

Bank / FLL (Bezahlung der Rechnung durch Kunden)


Das Konto «Vorräte», das den Lagerbestand der Waren zeigt, wird aber nur einmal im Jahr beim Jahresabschluss am Ende des Geschäftsjahres angepasst.

Beim Jahresabschluss stellt das Handelsunternehmen mittels Inventar (Erstellung eines Lagerverzeichnisses durch Zählung der Waren im Lager) fest, ob alle eingekauften Waren auch verkauft worden sind. Somit wird der Lagerbestand der Waren und damit der Wert der Vorräte ermittelt.

Beim Inventar können die drei nachfolgenden Möglichkeiten vorkommen:

Realer Lagerbestand (Wert der Vorräte) = Saldo Konto Vorräte

Der reale Lagerbestand und damit der Wert der Vorräte entspricht dem Saldo des Aktivkontos «Vorräte». Das heisst, der Lagerbestand ist gleich wie zu Beginn des Geschäftsjahres. Es sind keine Massnahmen notwendig.

Realer Lagerbestand (Wert der Vorräte) > Saldo Konto Vorräte

Der reale Lagerbestand und damit der Wert der Vorräte ist höher als der Saldo des Aktivkontos «Vorräte». Das heisst, der Lagerbestand hat zugenommen. Das Konto «Vorräte» muss nun erhöht werden.

Der Buchungssatz lautet: Vorräte / Warenaufwand (das Konto «Warenaufwand» wird reduziert, da ein Teil der Waren nicht verkauft wurde, sondern als Vermögenswerte noch an Lager sind, das Konto «Vorräte» wird erhöht). Die nicht verkauften Waren werden somit im Jahresabschluss nicht unter Warenaufwand geführt, sondern als Vermögen im Konto «Vorräte» aktiviert.

Realer Lagerbestand (Wert der Vorräte) < Saldo Konto Vorräte

Der reale Lagerbestand und damit der Wert der Vorräte ist tiefer als der Saldo des Aktivkontos «Vorräte». Das heisst, der Lagerbestand hat abgenommen. Das Konto «Vorräte» muss nun gesenkt werden.

Der Buchungssatz lautet: Warenaufwand / Vorräte (das Konto «Warenaufwand» wird erhöht, da mehr Waren verkauft als eingekauft wurden, sie sind aus dem Lager genommen worden, das Konto «Vorräte» wird gesenkt). Die mehrverkauften Waren werden aus dem Konto «Vorräte» genommen und als Aufwand im Konto «Warenaufwand» verbucht.


10.2 Vertiefung: Verluste aus Forderungen

Die Kundinnen und Kunden bezahlen einem Unternehmen nicht alle Rechnungen pünktlich, worauf das Unternehmen den Kundinnen und Kunden eine Mahnung zusendet (siehe «Der Mensch in der Rolle des Konsumenten»), um diese an die Rechnung zu erinnern, wenn sie nicht innerhalb der Zahlungsfrist (meistens 30 Tage) bezahlt wurde. Auch dann zahlen nicht alle Kundinnen und Kunden ihre Rechnung worauf sie betrieben werden können. Manchmal werden Rechnungen aufgrund eines Zahlungsausfalls der Kunden gar nicht bezahlt.

Mit diesem Umstand muss ein Unternehmen auch in der Buchführung umgehen. Normalerweise werden Rechnungen an Kundinnen und Kunden im Aktivkonto «Forderungen aus Lieferungen und Leistungen» (FLL) verbucht.


10.2.1 Buchungen falls Kunden ihre Rechnungen nicht bezahlen

Bezahlt nun eine Kunde seine Rechnung nicht, wird er vom Unternehmen gemahnt, was keine Buchung nach sich zieht. Wird die Rechnung immer noch nicht bezahlt, dann fällt ein Verzugszins an, der vom Schuldner zu bezahlen ist, die «Forderungen aus Lieferungen und Leistungen»(FLL) steigen an.

Buchungssatz Verzugszins: FLL / Finanzertrag

Zudem kann das Unternehmen eine Betreibung gegen den Kunden einleiten. Dafür muss es dem Betreibungsamt einen Vorschuss bezahlen. Dieser Vorschuss wird dem Kunden berechnet, die «Forderungen aus Lieferungen und Leistungen» steigen an.

Buchungssatz Vorschuss: FLL / Bank


10.2.2 Buchungen bei einem Konkursverfahren gegen den Kunden

Wenn gegen den Kunden ein Konkursverfahren durchgeführt werden muss, wird dessen Konkursmasse verwertet (Vermögen wird verkauft) und der daraus entstehende Konkurserlös verteilt. Dabei ist der Konkurserlös meistens tiefer als die vorhandenen Schulden. Deswegen wird der prozentuale Teil (Konkursdividende) ermittelt, der den Gläubigern (die das Geld fordern) zurückbezahlt werden muss. Wenn das Unternehmen beispielsweise eine Konkursdividende von 20% vom Betreibungsamt zugesprochen erhält, wird ihm 20% der Forderung überwiesen und für die restlichen 80% erhält das Unternehmen einen Verlustschein (Recht an der restlichen Forderung) ausgestellt. Dazu sind folgende Buchungssätze notwendig:

Buchungssatz Konkursdividende: Bank / FLL (Forderung reduziert sich, da ein Teil der Forderung erhalten wird)

Buchungssatz Verlustschein: Verluste aus Forderungen / FLL (Forderung wird reduziert, es entsteht ein Verlust aus den Forderungen)

Das Konto «Verluste aus Forderungen» ist ein Minus-Ertragskonto (funktioniert wie ein Aufwandskonto, ist aber beim Ertrag geführt) und wird direkt unter dem Konto «Erträge aus Lieferungen und Leistungen» in der Erfolgsrechnung geführt. Es reduziert die Erträge aus Lieferungen und Leistungen, da ein Teil nicht bezahlt werden.


10.2.3 Begleichung des Verlustscheins durch Kunden

Wird der Verlustschein im selben Geschäftsjahr noch beglichen, so wird dies wie folgt verbucht.

Buchungssatz Bezahlung Verlustschein im selben Geschäftsjahr: Bank / Verluste aus Forderungen (der Verlust wird wieder reduziert, das Geld wird erhalten)

Wird der Verlustschein in einem späteren Geschäftsjahr beglichen, so wird dies wie folgt verbucht.

Buchungssatz Bezahlung Verlustschein in einem anderen Geschäftsjahr: Bank / a. o. Ertrag (es wird als ausserordentlicher Ertrag verbucht, da die Erfolgsrechnung des Jahres, als der Verlustschein ausgestellt wurde, schon abgeschlossen ist und nicht mehr nachträglich angepasst werden kann).


10.2.4 Bildung von Rückstellungen für geschätzte Verluste aus Forderungen

Unternehmen verfügen über statistische Werte, wie viele Kunden pro Jahr im Schnitt ihre Rechnungen nicht bezahlen. Um buchhalterisch planen zu können, können sie den erwarteten Betrag der Verluste aus Forderungen am Jahresende einplanen. Steuerlich erlaubt sind 5% der gesamten Forderungen von Schweizer Kunden als möglicher Ausfall zu planen. Dies wird auf dem Minus-Aktivkonto «Wertberichtigung Forderungen» (wird wie ein Passivkonto unter dem Konto «FLL» geführt) und dem Minus-Ertragskonto «Verluste aus Forderungen» verbucht:

Buchungssatz Bildung WB Forderungen: Verluste aus Forderungen / WB Forderungen

Während des Geschäftsjahres wird das Konto «WB Forderungen» nicht verändert. Erst am Ende des nächsten Geschäftsjahres werden max. 5% der Forderungen berechnet und das Konto «WB Forderungen» angepasst. Dabei gibt es drei Möglichkeiten:

  • Die 5% der Forderungen entspricht genau der Höhe der Verbuchung (Saldo) auf dem Konto «WB Forderungen» des Vorjahres. Es sind keine Massnahmen notwendig.
  • Die 5% der Forderungen sind höher als der Saldo des Vorjahres auf dem Konto «WB Forderungen». Das Konto «WB Forderungen» muss erhöht werden. Der Buchungssatz lautet: Verluste aus Forderungen / WB Forderungen.
  • Die 5% der Forderungen sind tiefer als der Saldo des Vorjahres auf dem Konto «WB Forderungen». Das Konto «WB Forderungen» muss gesenkt werden. Der Buchungssatz lautet: WB Forderungen / Verluste aus Forderungen.


10.3 Vertiefung: Stille Reserven

Das Vorsichtsprinzip und die unterschiedlichen Informationsbedürfnisse von Geschäftsleitung und Öffentlichkeit haben in der Praxis zu internen und externen Abschlussrechnungen geführt:

Die externe Rechnung (Finanzbuchhaltung) dient der Information von Gläubigern, Aktionären oder der Öffentlichkeit. Sie richtet sich nach den auf Gläubigerschutz ausgerichteten Bewertungsvorschriften und zeigt daher in der Regel eher eine schlechtere Vermögens- und Ertragslage als es der Wirklichkeit entspricht.

Die interne Rechnung (Betriebsbuchhaltung) dient als Entscheidungsgrundlage und als Kontrollinstrument. Sie ist darum möglichst genau und gibt soweit möglich die tatsächlichen Werte wieder.

Entsprechend ist das Eigenkapital in der externen Bilanz kleiner als in der internen. Die Differenz zwischen dem in der externen Bilanz ausgewiesenen und dem effektiven Eigenkapital nennt man stille Reserven.

Stille Reserven sind ein beliebtes Mittel, um finanzielle Flexibilität zu wahren und das Jahresergebnis zu beeinflussen. Die stillen Reserven werden gebildet, indem Vermögenswerte (Aktiven) in der Bilanz unterbewertet oder Verbindlichkeiten (Passiven) überbewertet werden. In guten Jahren können Unternehmen Reserven aufbauen, indem sie Gewinne zurückhalten, und in schlechteren Jahren können sie diese Reserven auflösen, um das Ergebnis zu stabilisieren.

Das Schweizer Obligationenrecht erlaubt die Bildung stiller Reserven, jedoch unter bestimmten Bedingungen. Auch die Schweizer Rechnungslegungsstandards Swiss GAAP FER enthalten detailliertere Vorschriften zur Bilanzierung und Offenlegung, welche die Bildung stiller Reserven regeln.


10.3.1 Unterbewertung der Aktiven

Folgende Konti der Aktiven können unterbewertet werden.

Anlagen

Unternehmen können Anlagen wie Immobilien, mobile Sachanlagen, Maschinen oder Fahrzeuge unter ihrem tatsächlichen Marktwert bilanzieren, indem höhere Abschreibungen vorgenommen werden als notwendig.

Vorräte

Lagerbestände können unterbewertet werden, indem höhere Abschreibungen vorgenommen werden als notwendig.

Forderungen

Abschreibungen auf Forderungen können grosszügiger vorgenommen werden, als es die tatsächlichen Ausfallrisiken erfordern.

Wertpapiere

Finanzanlagen wie Aktien oder Anleihen können unter ihrem aktuellen Marktwert in der Bilanz angesetzt werden.


10.3.2 Überbewertung der Passiven

Folgende Konti der Passiven können überbewertet werden.

Rückstellungen

Unternehmen können höhere Rückstellungen für zukünftige Verpflichtungen bilden, als tatsächlich notwendig sind, z. B. für Garantiefälle oder Prozessrisiken.

Verbindlichkeiten 

Die kurzfristigen Verbindlichkeiten können höher angesetzt werden, als sie tatsächlich sind.


10.3.3 Vorteile und Nachteile von stillen Reserven

Vorteile

  • Steueroptimierung: Durch die Reduktion des ausgewiesenen Gewinns können Unternehmen ihre Steuerlast verringern.
  • Krisenmanagement: Stille Reserven bieten eine finanzielle Pufferfunktion in wirtschaftlich schwierigen Zeiten.
  • Gewinnstabilisierung: Sie ermöglichen eine Glättung der Jahresergebnisse und sorgen für eine konstante Gewinnentwicklung.

Nachteile

  • Transparenzverlust: Die Bildung stiller Reserven kann die Transparenz der finanziellen Lage eines Unternehmens verringern.
  • Fehlende Information: Stakeholder wie Investoren oder Kreditgeber erhalten ein verzerrtes Bild der tatsächlichen Vermögens-, Finanz- und Ertragslage.


10.4 Der Gewinnverteilungsplan und die Dividendenauszahlung in der Aktiengesellschaft

Der Gewinnverteilungsplan wird an der Generalversammlung der Aktiengesellschaft durch die Aktionär*innen bestimmt. Danach erfolgt die Dividendenauszahlung an die Aktionär*innen.


10.4.1 Gewinnverteilung

Saldo Gewinnvortrag

+ Jahresgewinn (Erfolgsrechnung / Gewinnvortrag)

= Bilanzgewinn

– Reservezuweisung (5% des Jahresgewinnes bis Reserve = 50% von Aktienkapital, Art. 672 OR) (Gewinnvortrag / Reserven)

= Restbetrag zur Gewinnverteilung

– Dividenden in % des Aktienkapitals (Gewinnvortrag / Dividenden)

= Neuer Gewinnvortrag


10.4.2 Dividendenauszahlung

Eine Aktiengesellschaft darf den Aktionär*innen von der Bruttodividende nur 65% (Nettodividende) auszahlen und muss die restlichen 35% als Verrechnungssteuer (VST) dem Staat gutschreiben.

Buchungssatz Auszahlung Nettodividende: Dividenden / Bank

Buchungssatz Verrechnungssteuer Staat: Dividenden / Kreditor VST (Staat)

Buchungssatz Auszahlung VST: Kreditor VST / Bank


10.5 Bilanz- und Erfolgsanalyse des Jahresabschlusses einer Aktiengesellschaft

Die Analyse der Bilanz und der Erfolgsrechnung ergibt wichtige Informationen zur Beurteilung der finanziellen Situation und den Wachstumsmöglichkeiten eines Unternehmens. Diese Informationen dienen Anleger*innen, Aktionär*innen, Fremdkapitalgeber*innen, Institutionen, Steuerbehörden, aber auch der Geschäftsleitung und dem Verwaltungsrat als Grundlagen bei Ihren Entscheidungsfindungen oder Abklärungen. Die Bilanz- und Erfolgsanalyse erfolgt anhand von einigen wichtigen Kennzahlen, die nachfolgend vorgestellt werden.


10.5.1 Kennzahlen zur Kapitalstruktur

Die Analyse der Kapitalstruktur in der Bilanz hat das Ziel, zu prüfen, ob das Unternehmen für die Zukunft genug finanziert ist. Dazu wird die Passivseite der Bilanz (Fremdkapital und Eigenkapital) untersucht.

Eigenfinanzierungsrad

Eigenkapital / Gesamtkapital * 100%

Richtwert: mindestens 30%

Fremdfinanzierungsgrad

Fremdkapital / Gesamtkapital * 100%

Richtwert: höchstens 70%

Selbstfinanzierungsgrad

Zuwachskapital / Grundkapital * 100%

(Zuwachskapital = Gewinnvortrag + Reserven; Grundkapital = Aktienkapital)

Richtwert: keine Richtgrösse, da der Wert stark vom Alter des Unternehmens abhängt.


10.5.2 Kennzahlen zur Vermögensstruktur

Die Analyse der Vermögensstruktur in der Bilanz hat das Ziel, zu prüfen, wie das zur Verfügung stehende Kapital investiert ist. Dazu wird die Aktivseite der Bilanz (Umlaufvermögen und Anlagevermögen) untersucht.

Intensität des Umlaufvermögens

Umlaufvermögen / Gesamtvermögen * 100%

Richtwert: keine Richtgrösse, da der Wert von der jeweiligen Branche abhängt.

Intensität des Anlagevermögens

Anlagevermögen / Gesamtvermögen * 100%

Richtwert: keine Richtgrösse, da der Wert von der jeweiligen Branche abhängt.


10.5.3 Kennzahlen zur Zahlungsbereitschaft (Liquidität)

Die Analyse der Liquidität in der Bilanz hat das Ziel, zu prüfen, ob das Unternehmen genügend finanzielle Mittel besitzt, um die kurzfristigen Schulden (kurzfristiges Fremdkapital) begleichen zu können. Dazu wird das Umlaufvermögen sowie das kurzfristige Fremdkapital untersucht. Eine Zahlungsunfähigkeit der kurzfristigen Schulen könnte einen Konkurs des Unternehmens zur Folge haben.

Liquiditätsgrad I

Flüssige Mittel / kurzfristiges Fremdkapital * 100%

Richtwert: mindestens 20%

Liquiditätsgrad II

Flüssige Mittel und Forderungen / kurzfristiges Fremdkapital * 100%

Richtwert: mindestens 100% (wichtigster der drei Liquiditätsgrade)

Liquiditätsgrad III

Umlaufvermögen / kurzfristiges Fremdkapital * 100%

Richtwert: mindestens 150%

Cashflow-Marge

Cashflow / Betriebsertrag * 100%

(Cashflow = Zahlungseingänge minus Zahlungsausgänge)

Richtwert: der Wert ist branchenabhängig und sollte deutlich höher als die Umsatzrendite sein.


10.5.4 Kennzahlen zur Anlagedeckung

Die Analyse der Anlagedeckung in der Bilanz hat das Ziel, zu prüfen, ob das Unternehmen langfristig sicher finanziert ist und das langfristige gebundene Vermögen auch mit langfristig fälligem Kapital finanziert ist. Dazu wird das Anlagevermögen sowie das Eigenkapital und das langfristige Fremdkapital untersucht.

Anlagedeckungsgrad I

Eigenkapital / Anlagevermögen * 100%

Richtwert: mindestens 75%

Anlagedeckungsgrad II

Eigenkapital und langfristiges Fremdkapital / Anlagevermögen * 100%

Richtwert: mindestens 100%


10.5.5 Kennzahlen zur Rentabilität

Die Analyse der Rentabilität hat das Ziel, zu prüfen, wie leistungsfähig das Unternehmen ist und ob genügend Gewinn im Verhältnis zum Kapitaleinsatz und zum Umsatz erwirtschaftet wird. Dazu wird die Erfolgsrechnung sowie das Eigen- und Gesamtkapital untersucht.

Eigenkapitalrendite

Reingewinn / Eigenkapital * 100%

Richtwert: mindestens 8%

Gesamtkapitalrendite

Reingewinn und Fremdkapitalzinsen / Gesamtkapital * 100%

Richtwert: mindestens 6%

Umsatzrendite

Reingewinn / Betriebsertrag * 100%

Richtwert: der Wert ist branchenabhängig, mindestens 1.5% bei Handelsbetrieben und mindestens 5% bei Industriebetrieben.


10.5.6 Unternehmensbewertung anhand der Discounted-Cashflow Methode

Die Discounted-Cashflow Methode (DCF) berechnet den gegenwärtigen Wert zukünftiger Cashflows, indem sie die erwarteten zukünftigen Cashflows auf ihren Barwert abzinst. Damit kann der Wert einer Anlage, eines Unternehmens oder eines Projekts bestimmt werden.

Je nach Gewinnerwartung kann die DCF-Methode unrealistisch hohe Unternehmenswerte ergeben, die sich am Markt nicht realisieren lassen. Sie eignet sich darum fast nur für bestandene Unternehmen, die seit Jahren regelmässig einen kontinuierlich wachsenden Gewinn erwirtschaften.


10.5.7 Interpretation der Kennzahlen

Anhand der Kennzahlen können die verschiedenen Bereiche Kapitalstruktur, Vermögensstruktur, Zahlungsbereitschaft, Anlagedeckung und Rentabilität beurteilt werden. Die Kombination der Ergebnisse der verschiedenen Bereiche erlaubt eine Beurteilung der finanziellen Situation des gesamten Unternehmens hinsichtlich einer Anlageentscheidung in Aktien, Anleihen oder derivative Instrumente des analysierten Unternehmens bzw. Institution.


Lernkontrolle

  1. Beschreiben Sie die drei möglichen Erkenntnisse nach der Durchführung des Inventars zur Aufnahme des Lagerbestandes und die daraus erfolgenden Buchungssätze.
  2. Nennen Sie die Buchungssätze bei einer Erhöhung des Lagerbestandes sowie bei einer Senkung des Lagerbestandes.
  3. Erläutern Sie, welche Kosten ein Unternehmen dem Kunden auf dem Konto FLL zusätzlich berechnen kann und wie sie diese verbucht, wenn dieser nicht bezahlt und das Unternehmen beim Betreibungsamt eine Betreibung einleitet.
  4. Beschreiben Sie die zwei Buchungssätze, die ein Unternehmen erstellt, wenn es eine Konkursdividende erhält.
  5. Unterscheiden Sie die Buchungssätze, wenn ein Unternehmen im gleichen Jahr den Verlustschein ausbezahlt erhält und wenn es im nachfolgenden Jahr den Verlustschein ausbezahlt erhält.
  6. Beschreiben Sie den Buchungssatz, den Unternehmen verwenden, um Verluste auf Forderungen im Voraus in die Buchführung mit einzubeziehen.
  7. Erläutern Sie das Prinzip der stillen Reserven.
  8. Erklären Sie, wie und wann stille Reserven gebildet bzw. aufgelöst werden. 
  9. Stellen Sie einen Gewinnverteilungsplan auf.
  10. Erläutern Sie die Kennzahlen und Richtwerte zur Kapitalstruktur.
  11. Erläutern Sie die Kennzahlen und Richtwerte zur Vermögensstruktur.
  12. Erläutern Sie die Kennzahlen und Richtwerte zur Zahlungsbereitschaft (Liquidität).
  13. Erläutern Sie die Kennzahlen und Richtwerte zur Anlagedeckung.
  14. Erläutern Sie die Kennzahlen und Richtwerte zur Rentabilität.
  15. Erläutern sie die Bedeutung der Discounted-Cashflow Methode.